„Das hättest du wissen müssen“ – wenn Überlastung unsichtbar bleibt

Büro, mitten in einem sehr vollen Arbeitstag. Majas Kalender ist dicht, mehrere Aufgaben sind noch offen. Samuel kommt mit einer weiteren Bitte zu ihr.

– Maja, kannst du den Text für diese Präsentation auch noch übernehmen?
– Klar.

Samuel hört Zustimmung. Maja ist überzeugt, dass man ihr am Gesicht und an der Situation ansehen müsste, dass sie längst überlastet ist.

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Was wirklich passiert ist

Maja erlebt die Überlastung sehr intensiv. Weil sie sich für sie selbst so offensichtlich anfühlt, wirkt es zugleich so, als müsste sie auch von außen sichtbar sein. Samuel hat andere Informationen: Er hört „klar“ und sieht jemanden, der kein Problem angesprochen hat. Maja denkt: „Er müsste es doch sehen.“ Samuel denkt: „Wenn sie zugesagt hat, wird es schon passen.“ Dafür braucht es keine böse Absicht. Beide überschätzen, wie viel der andere ohne ein klares Signal wissen kann. Majas Profil macht die Szene besonders plausibel, weil sie Druck stark erleben kann, ohne ihn immer im gleichen Maß nach außen zu zeigen.

Was die Forschung dazu sagt

Menschen überschätzen häufig, wie sichtbar ihre inneren Zustände für andere sind. Wenn sich etwas in uns sehr intensiv anfühlt, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass ein Beobachter davon fast nichts erkennen könnte (illusion of transparency; Gilovich, Savitsky & Medvec, 1998). Das heißt nicht, dass andere überhaupt nichts wahrnehmen. Das Problem ist, dass wir systematisch überschätzen, wie gut Emotionen, Anspannung oder Absichten von außen lesbar sind. Im Arbeitsalltag ist das bei Arbeitslast besonders riskant: Jemand kann ruhig wirken und gleichzeitig operativ keinerlei Kapazität für eine weitere Aufgabe haben.

Wie man damit umgehen kann

Niemand muss seinen gesamten emotionalen Zustand offenlegen. Es reicht, die Information sichtbar zu machen, die zur Steuerung der Arbeit nötig ist: „Ich habe heute drei kritische Themen. Wenn ich das hier übernehme, müssen wir eines davon verschieben.“ Statt nur „Schaffst du das?“ zu fragen, kann Samuel fragen: „Was müsste sich verschieben, wenn wir das noch dazunehmen?“ Arbeitslast lässt sich außerdem auf einem gemeinsamen Board sichtbar machen, statt sie aus Gesichtsausdrücken abzuleiten. Die allgemeine Regel lautet: Was im Inneren einer Person sehr offensichtlich ist, wird dadurch noch nicht zu gemeinsam verfügbarem Wissen.

Wie Empatyzer und Em helfen können

Empatyzer hilft zu trennen zwischen dem, was jemand tatsächlich empfindet, und dem, was andere ohne ausdrückliche Information realistisch erkennen können. Die Diagnose kann zeigen, dass Maja Überlastung stark erlebt, sie aber nicht immer ebenso direkt kommuniziert, während Samuel sich natürlicherweise stärker an dem orientiert, was ausgesprochen und sichtbar wird. Der Profilvergleich erlaubt Em, genau diese Lücke vorwegzunehmen. Bevor Maja eine weitere Aufgabe übernimmt, kann Em sie daran erinnern zu sagen, was dafür verschoben werden müsste. Samuel kann statt „Schaffst du das?“ den Hinweis bekommen zu fragen: „Was fällt weg, wenn wir das hinzufügen?“ Auf Teamebene kann Empatyzer sichtbar machen, ob manche Menschen Überlastung explizit signalisieren, während andere erwarten, dass sie bemerkt wird. Mikrolektionen machen daraus eine dauerhafte Gewohnheit: Arbeitslast nicht aus Gesichtern steuern, sondern einen unsichtbaren Zustand in entscheidungsrelevante Information übersetzen.

Quellen und Forschung

  1. Thomas Gilovich; Kenneth Savitsky; Victoria H. Medvec (1998). The illusion of transparency: Biased assessments of others' ability to read one's emotional states. Journal of Personality and Social Psychology, 75(2), 332-346. https://doi.org/10.1037/0022-3514.75.2.332 DOI: 10.1037/0022-3514.75.2.332

Autor: Empatyzer

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