„Bedank dich bei deinem Mann“ – Freundlichkeit, die jemanden in eine fremde Rolle drängt

Nach Abschluss eines intensiven Projekts. Marek und Nia sprechen über die letzten Wochen.

– Und bedank dich bei deinem Mann, dass er uns so viel mit dir arbeiten ließ.
– Dass er … mich ließ?

Marek möchte höflich anerkennen, dass auch die Familie einen Preis getragen hat. Nia hört einen Satz, in dem ihr Mann über ihre eigene Zeit verfügen darf.

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Was wirklich passiert ist

Marek möchte freundlich sein. Er sieht, dass das intensive Projekt Nia viel Zeit gekostet hat, und möchte symbolisch auch den Preis anerkennen, den ihre Familie getragen hat. Das Problem steckt in einem Wort: „gelassen“. Der Satz macht den Ehemann zu der Person, der die Entscheidung über Nias Zeit und Arbeit zusteht. Nia lehnt die Rücksicht auf den Partner nicht ab. Sie lehnt das Bild ab, in dem ihre erwachsenen beruflichen Entscheidungen etwas sind, wozu ihr Partner seine Zustimmung gibt. Dieselbe Formulierung kann für den Sender traditionelle Höflichkeit und für die Empfängerin ein altes Abhängigkeitsmodell sein, verpackt als Kompliment.

Was die Forschung dazu sagt

Die Sozialpsychologie beschreibt Einstellungen gegenüber Frauen, die subjektiv freundlich und beschützend wirken, gleichzeitig aber traditionelle Rollenverteilungen und geringere Selbstständigkeit von Frauen voraussetzen (benevolent sexism; Glick & Fiske, 1997). Ein Bestandteil davon ist die Vorstellung, dass Männer Frauen beschützen und in gewisser Weise über sie wachen sollten (protective paternalism). Forschung zeigt, dass solches Verhalten in privaten und beruflichen Beziehungen unterschiedlich bewertet wird und Menschen am Arbeitsplatz eher partnerschaftlichere Regeln erwarten (Sarlet et al., 2012). Das bedeutet nicht, dass ein einzelner unglücklicher Satz beweist, Marek sei sexistisch. Der wissenschaftliche Begriff hilft lediglich, das historische Muster hinter der Formulierung „der Mann erlaubt es seiner Frau“ zu benennen.

Wie man damit umgehen kann

Die warme Absicht kann vollständig erhalten bleiben, wenn man die Abhängigkeit entfernt: „Ich weiß, dass dieses Projekt euch viel gemeinsame Zeit genommen hat. Ich hoffe, ihr könnt euch jetzt etwas erholen.“ So würdigt man die Familie, ohne den Partner zur Person zu machen, die Erlaubnis erteilt. Die allgemeine Regel lautet: Höflichkeit veraltet dann, wenn sie zusammen mit Respekt ein Machtverhältnis transportiert, das die andere Person längst nicht mehr akzeptiert. Die Fürsorge darf bleiben, die Sprache sollte an heutige Selbstbestimmung angepasst werden.

Wie Empatyzer und Em helfen können

Empatyzer kann Marek helfen zu erkennen, dass ein höflicher Satz Nias Handlungsfähigkeit ungewollt auf ihren Partner verschieben kann. Ein kulturelles Profil kann Unterschiede in Normen zu Formalität, Rollen und Entscheidungszuschreibung sichtbar machen, aber Em sollte aus einem einzigen Satz keine Diagnose über Mareks Einstellungen machen. Es kann vielmehr eine einfachere Form der Anerkennung vorschlagen: „Ich weiß, dass dieses Projekt dir viel private Zeit genommen hat. Danke, dass du es zu Ende gebracht hast.“ Wenn Marek auch die Belastung der Familie anerkennen möchte, kann er das tun, ohne zu suggerieren, jemand habe Nia „erlaubt“ zu arbeiten. Mikrolektionen helfen darauf zu achten, wem Sprache Entscheidung, Verantwortung und Verdienst zuschreibt. So transportieren gute Absichten seltener eine unerwünschte Statusbotschaft.

Quellen und Forschung

  1. Peter Glick; Susan T. Fiske (1997). Hostile and Benevolent Sexism: Measuring Ambivalent Sexist Attitudes Toward Women. Psychology of Women Quarterly, 21(1), 119-135. https://doi.org/10.1111/j.1471-6402.1997.tb00104.x DOI: 10.1111/j.1471-6402.1997.tb00104.x
  2. Marie Sarlet; Muriel Dumont; Nathalie Delacollette; Benoit Dardenne (2012). Prescription of Protective Paternalism for Men in Romantic and Work Contexts. Psychology of Women Quarterly, 36(4), 444-457. https://doi.org/10.1177/0361684312454842 DOI: 10.1177/0361684312454842

Autor: Empatyzer

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