„Ich wollte zeigen, dass ich es kann“ – Selbstständigkeit oder zu späte Eskalation?

Problem bei einem wichtigen Kunden. Marek versucht seit mehreren Stunden, die Situation allein in den Griff zu bekommen, bevor er Zofia davon erzählt.

– Warum erfahre ich das erst jetzt?
– Ich wollte es selbst lösen.
– Um Hilfe zu bitten heißt nicht, dass du es nicht kannst.
– In meiner Welt ein bisschen schon.

Marek möchte Kompetenz durch Selbstständigkeit beweisen. Zofia sieht Kompetenz auch darin, ein Risiko rechtzeitig sichtbar zu machen.

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Was wirklich passiert ist

Marek erkennt ein Problem bei einem wichtigen Kunden und erzählt Zofia lange nichts davon, weil er es selbst lösen möchte. In seinem Verständnis läuft eine kompetente Person nicht bei der ersten Schwierigkeit zur Führungskraft. Um Hilfe zu bitten könnte bedeuten: „Ich komme nicht zurecht.“ Zofia definiert Verantwortung anders. Bei normalen Problemen erwartet sie Selbstständigkeit; sobald jedoch der Verlust eines Kunden droht, will sie früh Bescheid wissen – solange noch genügend Handlungsmöglichkeiten bestehen. Marek versucht also, sein Bild als kompetente Person zu schützen, und erhöht dadurch ungewollt ein Risiko, für das Zofia verantwortlich ist. Ihr Streit dreht sich nicht darum, ob Menschen selbstständig sein sollen. Es geht um den Zeitpunkt, an dem Selbstständigkeit einer Abstimmung weichen sollte.

Was die Forschung dazu sagt

Um Hilfe zu bitten ist für Menschen nicht nur eine technische Handlung. Es kann das Bild der eigenen Kompetenz, Unabhängigkeit und Position gegenüber anderen berühren. Forschung zeigt, dass Menschen nicht nur berücksichtigen, ob Hilfe nützlich wäre, sondern auch welche möglichen Kosten das Bitten um Hilfe für das eigene Selbstbild hat (self-esteem threat in help seeking; Nadler, 1987). Ein ähnlicher Mechanismus zeigt sich beim Suchen nach Feedback: Rückmeldung kann helfen, besser zu handeln, gleichzeitig kann die bloße Frage als Signal von Schwäche oder mangelnder Kompetenz erlebt werden (feedback seeking; Ashford, De Stobbeleir & Nujella, 2016). Das bedeutet nicht, dass Marek grundsätzlich „Angst vor Hilfe“ hat. In dieser Situation hat er Selbstständigkeit und Kompetenz lediglich zu eng miteinander verknüpft.

Wie man damit umgehen kann

Am wirksamsten ist es, einer Rücksprache die Bedeutung „Scheitern“ zu nehmen und sie durch eine klare Schwelle zu ersetzen. Zofia macht das gut, wenn sie sagt: Normale Probleme löst du selbst; ein Risiko, den Kunden zu verlieren, meldest du sofort. Solche Schwellen können sich auf Geld, Termine, Sicherheit, Reputation oder den Umfang einer Entscheidung beziehen. Dann muss Marek nicht jedes Mal neu überlegen, ob die Frage ihn schwächer aussehen lässt. Er folgt einer vorher vereinbarten Regel. Allgemein gilt: In verantwortungsvollen Teams bedeutet Selbstständigkeit nicht „Löse immer alles allein“, sondern „Handle innerhalb eines klaren Rahmens selbstständig und erkenne, wann ein Risiko für andere sichtbar werden muss“.

Wie Empatyzer und Em helfen können

Empatyzer kann Marek und Zofia zeigen, dass beide Kompetenz schätzen, aber den Punkt unterschiedlich definieren, an dem eine kompetente Person allein handeln oder ein Thema eskalieren sollte. Die Diagnose kann Mareks starkes Bedürfnis nach Selbstständigkeit, Status und Ergebnissen sichtbar machen; der Vergleich mit Zofias Profil zeigt, dass frühes Sichtbarmachen von Risiko für sie Teil von Verantwortung ist, nicht ein Zeichen von Schwäche. Em kann diese Differenz vor einem schwierigen Gespräch in eine konkrete Regel übersetzen: „Bis zu dieser Schwelle löst du selbst; darüber will ich sofort Bescheid wissen.“ Dann hängt die Entscheidung weder von Scham noch von Stolz oder dem Erraten der Absicht der Führungskraft ab. Auf Teamebene kann Empatyzer zeigen, ob Probleme regelmäßig zu lange verborgen bleiben. Mikrolektionen stärken den entscheidenden Gedanken: Um Hilfe zu bitten kann gutes Risikomanagement sein und nicht mangelnde Kompetenz.

Quellen und Forschung

  1. Arie Nadler (1987). Determinants of help seeking behaviour: The effects of helper's similarity, task centrality and recipient's self esteem. European Journal of Social Psychology, 17(1), 57-67. https://doi.org/10.1002/ejsp.2420170106 DOI: 10.1002/ejsp.2420170106
  2. Susan J. Ashford; Katleen De Stobbeleir; Mrudula Nujella (2016). To Seek or Not to Seek: Is That the Only Question? Recent Developments in Feedback-Seeking Literature. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 3, 213-239. https://doi.org/10.1146/annurev-orgpsych-041015-062314 DOI: 10.1146/annurev-orgpsych-041015-062314

Autor: Empatyzer

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