„Das ist doch schon gut“ – Perfektionismus oder Verantwortung für Qualität

Am Projekttisch. Olek zeigt Amira einen fertigen Bildschirm der Anwendung.

– Fertig. Wir können abschließen.
– Nein. Hier sind noch drei Dinge zu verbessern.

Olek sieht eine Version, die für den Zweck gut genug ist. Amira sieht drei bekannte Fehler, die sie nur schwer bewusst in etwas „Fertigem“ stehen lassen kann.

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Was wirklich passiert ist

Amira sieht eine Unvollkommenheit, deshalb empfindet sie weiteres Verbessern als Teil ihrer Verantwortung. Wenn sie weiß, dass etwas besser gemacht werden kann, fällt es ihr schwer, es bewusst so zu lassen. Olek betrachtet das Produkt vom Ziel her: Wenn das aktuelle Niveau für die Nutzer ausreicht und weitere Arbeit das Ergebnis kaum verändert, sind zusätzliche Stunden Kosten, die an anderer Stelle mehr bewirken könnten. Keiner von beiden muss deshalb „pingelig“ oder „nachlässig“ sein. Sie unterscheiden sich in dem Punkt, an dem sie Qualität für den jeweiligen Zweck als ausreichend ansehen.

Was die Forschung dazu sagt

Die Forschung zu Perfektionismus zeigt, dass man hohe Standards von Fehlerangst und dem dauernden Gefühl unterscheiden sollte, das Ergebnis sei noch immer nicht gut genug (perfectionistic strivings und perfectionistic concerns). Hohe Standards können die Qualität mitunter fördern, während Sorgen um Fehler häufiger mit mehr Anspannung und Burnout verbunden sind; die Befunde zur Leistung selbst sind gemischt (Stoeber et al., 2010; Kim et al., 2017; Kleszewski & Mohr, 2026). Es gibt daher keine wissenschaftliche Grundlage für ein einfaches „Perfektionismus ist gut“ oder „Perfektionismus ist schlecht“. In dieser Szene ist die organisatorische Frage wichtiger: Hat die nächste Verbesserung noch einen größeren Wert als die Kosten, die sie verursacht?

Wie man damit umgehen kann

Statt über Qualität erst dann zu verhandeln, wenn eine Person aufhören will und die andere weiter verbessern möchte, sollte man vorher definieren, was „fertig“ bedeutet. Man kann etwa drei Stufen festlegen: Entwurf, produktionsreife Version und Version mit maximalem Feinschliff. Bei jeder weiteren Korrektur hilft die Frage: „Was verändert sich für den Nutzer oder das Ergebnis konkret, wenn wir noch eine Stunde investieren?“ Die allgemeine Regel lautet: Qualität braucht ein Endkriterium. Ohne ein solches Kriterium sieht die eine Person Verantwortung im weiteren Verbessern und die andere darin, die Arbeit im richtigen Moment zu beenden.

Wie Empatyzer und Em helfen können

Empatyzer kann Amira und Olek helfen zu erkennen, dass „gute Qualität“ kein universeller Wert mit nur einer richtigen Schwelle ist. Amiras Profil kann auf ein stärkeres Bedürfnis nach Ordnung, Abschluss und eine geringere Bereitschaft hinweisen, bekannte Unvollkommenheiten bewusst stehen zu lassen. Olek kann deutlich leichter iterativ arbeiten und Verbesserungen stoppen, wenn zusätzlicher Aufwand nur noch wenig bringt. Em kann deshalb vor einer Aufgabe helfen, das Qualitätsniveau festzulegen, bevor die Arbeit beginnt: „Arbeitsversion“, „gut genug zur Veröffentlichung“ oder „bis ins Detail ausgearbeitet“. So muss Amira nicht rätseln, ob das Weglassen eines Details Nachlässigkeit bedeutet, und Olek nicht, ob jede Sache maximal perfektioniert werden muss. Mikrolektionen helfen, einen zum Ziel passenden Standard vom persönlichen Gefühl zu trennen, dass man immer noch etwas besser machen könnte.

Quellen und Forschung

  1. Joachim Stoeber; Daryl Chesterman; Terri-Anne Tarn (2010). Perfectionism and task performance: Time on task mediates the perfectionistic strivings–performance relationship. Personality and Individual Differences, 48(4), 458-462. https://doi.org/10.1016/j.paid.2009.11.021 DOI: 10.1016/j.paid.2009.11.021
  2. Huo-Tsan Chang; Yu-Jia Chou; Jia-Wen Liou; Yi-Ting Tu (2016). The effects of perfectionism on innovative behavior and job burnout: Team workplace friendship as a moderator. Personality and Individual Differences, 96, 260-265. https://doi.org/10.1016/j.paid.2016.02.088 DOI: 10.1016/j.paid.2016.02.088
  3. Emily Kleszewski; Monique Mohr (2026). Is the juice worth the squeeze? Implications of employee perfectionism and excellencism for in-role and extra-role performance. Acta Psychologica, 268, 107315. https://doi.org/10.1016/j.actpsy.2026.107315 DOI: 10.1016/j.actpsy.2026.107315

Autor: Empatyzer

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