„Ich war einfach freundlich“ – Herzlichkeit ist nicht immer Freundschaft
Am Ende eines mehrwöchigen Projekts. Nia und Olek lachen noch vor dem Bildschirm.
– Es war richtig gut, mit dir zu arbeiten. Viel Erfolg im neuen Team.
– Danke. Wie wäre es mit Kaffee am Samstag?
Olek versteht ihre Nähe als Beginn einer privaten Bekanntschaft. Nia mag ihn wirklich, trennt ihre Freizeit aber klar von der Arbeit.
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Video auf YouTube ansehenWas wirklich passiert ist
Nia ist Olek gegenüber aufmerksam, erinnert sich daran, was er über seine Familie erzählt hat, fragt nach wichtigen Dingen und hört ihm wirklich zu. Olek erkennt zu Recht, dass diese Wärme echt ist. Das Missverständnis entsteht erst im nächsten Schritt: Er nimmt an, dass solche Herzlichkeit natürlicherweise von einer Arbeitsbeziehung in eine private Freundschaft führt. Für Nia muss das nicht so sein. Sie kann jemanden bei der Arbeit aufrichtig mögen und den Samstag trotzdem sehr klar von der Arbeit trennen. Das Missverständnis besteht also nicht darin, dass eine Person nur gespielt freundlich war. Es besteht darin, dass zwei Menschen die Grenze zwischen guter Arbeitsbeziehung und privater Freundschaft unterschiedlich ziehen.
Was die Forschung dazu sagt
Forschung zu Freundschaft am Arbeitsplatz zeigt, dass die Grenzen zwischen Kollegialität, Freundschaft und Leben außerhalb der Arbeit fließend sind und sowohl von den beteiligten Menschen als auch von der Organisationskultur abhängen. Unternehmen können sogar die Erwartung erzeugen, ein „gutes Team“ solle sich wie eine Freundesgruppe verhalten (Freundschaft am Arbeitsplatz und verschwimmende Grenzen; Pedersen & Lewis, 2012; ethnografische Studie von 2025). Andere Forschung zeigt, dass Menschen aktiv aushandeln, wie weit Beziehungen aus dem Arbeitskontext in ihr Privatleben hineinreichen sollen (boundary work; Trefalt, 2012). Das bedeutet: Wärme, Vertrauen und persönliche Gespräche können echt sein und trotzdem kein automatisches Recht auf eine Beziehung außerhalb der Arbeit schaffen.
Wie man damit umgehen kann
Am einfachsten ist es, die nächste Stufe der Beziehung nicht vorauszusetzen, sondern vorzuschlagen und die Antwort ohne Kränkung anzunehmen: „Vielleicht Kaffee am Samstag?“ – „Nein, nach der Arbeit halte ich meine Zeit lieber getrennt.“ – „Klar.“ Eine distanziertere Person kann auch früh signalisieren, dass sie Beziehungen im Job sehr schätzt, ihre Privatzeit aber klar abgrenzt. Die allgemeine Regel lautet: Herzlichkeit ist eine Information über die Qualität des Kontakts, aber kein Vertrag über seine weitere Richtung. Freundschaft beginnt erst, wenn beide Seiten die Grenze verschieben möchten.
Wie Empatyzer und Em helfen können
Empatyzer kann Nia und Olek helfen zu erkennen, dass echte berufliche Wärme nicht automatisch eine Einladung zu privater Freundschaft ist. Motive rund um soziale Kontakte, Unabhängigkeit und Nähe sowie kulturelle Präferenzen können dazu führen, dass eine Person eine gute Arbeitsbeziehung schnell mit einer persönlichen Beziehung verbindet, während eine andere problemlos eine Grenze dazwischen hält. Em kann Nia helfen, das ohne Kälte zu formulieren: „Ich mag dich wirklich und arbeite gern mit dir, aber mein Privatleben halte ich lieber getrennt.“ Olek kann Em helfen, diese Grenze nicht als Beweis dafür zu deuten, dass die vorherige Herzlichkeit unecht war. Mikrolektionen festigen einen wichtigen Punkt: Eine Arbeitsbeziehung kann wirklich warm, aufrichtig und nah sein und muss trotzdem nicht automatisch zu privater Freundschaft werden.
Quellen und Forschung
- Špela Trefalt (2013). Between You and Me: Setting Work-Nonwork Boundaries in the Context of Workplace Relationships. Academy of Management Journal, 56(6), 1802-1829. https://doi.org/10.5465/amj.2011.0298 DOI: 10.5465/amj.2011.0298
- Vivi Bach Pedersen; Suzan Lewis (2012). Flexible friends? Flexible working time arrangements, blurred work-life boundaries and friendship. Work, Employment and Society, 26(3), 464-480. https://doi.org/10.1177/0950017012438571 DOI: 10.1177/0950017012438571
- Patrizia Hoyer; Tessa Leegwater; Sierk Ybema (2025). When freedom and control walk hand in hand: friendship in the workplace. Journal of Organizational Ethnography, 14(3), 400-424. https://doi.org/10.1108/JOE-03-2025-0037 DOI: 10.1108/JOE-03-2025-0037
Autor: Empatyzer
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