„Und plötzlich hat niemand mehr Ideen“ – Wie die Reaktion der Führungskraft das Team verstummen lässt

Ein Teammeeting für neue Ideen. Olek schlägt begeistert eine riskante Abkürzung vor, die den Prozess halbieren könnte.

– Ich habe eine riskante Idee, aber vielleicht halbiert sie unseren Prozess.
– Nein. Das ist unausgereift und unverantwortlich – schneidet Anna ihm vor allen das Wort ab.

Im nächsten Meeting fragt Anna nach neuen Ideen. Niemand sagt etwas. Sie sieht mangelnde Initiative; das Team erinnert sich an den Preis der letzten Initiative.

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Was wirklich passiert ist

Olek bringt eine riskante, noch unfertige Idee ein. Anna bezeichnet sie schnell und öffentlich als unverantwortlich. Aus ihrer Sicht schützt sie Qualität und Zeit des Teams: Eine schwache Idee sollte schnell aussortiert werden. Das Team lernt jedoch zusätzlich etwas, das Anna nicht beabsichtigt hat: Eine noch nicht ausgereifte Idee zu zeigen kann in öffentlicher Bloßstellung enden. Im nächsten Meeting bittet Anna um Initiative und bekommt Schweigen. Die Menschen haben nicht plötzlich keine Ideen mehr. Verändert hat sich der erwartete soziale Preis dafür, sie zu zeigen.

Was die Forschung dazu sagt

Menschen sprechen Fragen, Fehler, Bedenken und Ideen eher an, wenn sie glauben, dass das zwischenmenschliche Risiko dabei akzeptabel ist – psychological safety (Edmondson, 1999; Edmondson & Lei, 2014). Forschung verbindet psychologische Sicherheit mit Teamlernen, Voice und Innovation. Wichtig ist, das nicht auf „Alle sollen sich wohlfühlen“ zu verkürzen. Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass es keine Kritik gibt. Sie bedeutet, eine unvollkommene Idee zeigen zu können, ohne davon ausgehen zu müssen, dass Kritik an der Idee automatisch zur öffentlichen Bewertung der Person wird. Forschung zu Interventionen zeigt zudem, dass Slogans wie „Sagt offen eure Meinung“ meist nicht reichen; entscheidend ist, wie Führungskräfte tatsächlich reagieren, nachdem jemand etwas Unbequemes angesprochen hat.

Wie man damit umgehen kann

In der Phase der Ideengenerierung sollte die Bewertung des Risikos von der Bewertung der Person getrennt werden. Anna kann sagen: „Ich sehe hier zwei ernsthafte Risiken. Prüfen wir, ob wir sie beseitigen können“, statt „Das ist unverantwortlich“. Teams können außerdem Schöpfungs- und Auswahlphase ausdrücklich trennen: zuerst Optionen sammeln, danach testen. Allgemein gilt: Wenn du Initiative willst, reagiere nicht so, dass Schweigen zur rationalen Strategie wird, um die eigene Position zu schützen.

Wie Empatyzer und Em helfen können

Empatyzer kann Anna den Widerspruch in der Situation zeigen: Sie möchte mehr Initiative, aber ihre Reaktion auf unfertige Ideen kann Schweigen für einen Teil des Teams zur vernünftigsten Strategie machen. Profile und Teamdaten können sichtbar machen, dass Menschen sehr unterschiedliche Schwellen für soziales Risiko haben; eine Person bringt nach einem scharfen „Nein“ morgen die nächste Idee, eine andere zeigt nichts mehr, bis es nahezu erfolgssicher ist. Vor einem Meeting kann Em eine Formulierung vorschlagen, die den Qualitätsanspruch hoch hält, ohne die Person anzugreifen: „Ich sehe zwei ernsthafte Risiken – schauen wir, ob wir sie beseitigen können.“ Em kann außerdem helfen, Ideengenerierung und Auswahl zu trennen. Mikrolektionen festigen Reaktionen, die Risiko und Lösung kritisieren, nicht den Menschen. Langfristig hilft Empatyzer, ein Umfeld aufzubauen, in dem Probleme und Ideen früher sichtbar werden – und nicht erst dann, wenn sie reputativ sicher sind.

Quellen und Forschung

  1. Amy C. Edmondson (1999). Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350-383. https://doi.org/10.2307/2666999 DOI: 10.2307/2666999
  2. Amy C. Edmondson; Zhike Lei (2014). Psychological Safety: The History, Renaissance, and Future of an Interpersonal Construct. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 1, 23-43. https://doi.org/10.1146/annurev-orgpsych-031413-091305 DOI: 10.1146/annurev-orgpsych-031413-091305

Autor: Empatyzer

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