„Zwölf Minuten Schweigen“ – Wenn Anpassung zum Stereotyp wird
Ein wichtiges Vieraugengespräch. Jonas und Helena sitzen sich gegenüber und beide versuchen, sich an den Stil der anderen Person anzupassen.
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Jonas wartet, weil er Helena Raum geben möchte. Helena wartet, weil sie glaubt, Jonas wolle selbst die Initiative übernehmen. Nach einigen Minuten schweigen beide noch immer.
Was bringt dir Empatyzer?
Führungskräfte bauen eine Kultur der Offenheit auf, indem sie ihren Gesprächsstil an die unterschiedlichen Bedürfnisse ihres Teams anpassen. Coach Em zeigt, wie man Absprachen sauber abschließt – gestützt auf eine breite Diagnose von Zusammenarbeitsstilen und Motivatoren. So führt zwischenmenschliche Kommunikation bei der Arbeit seltener zu Reibung und Missverständnissen.
Video auf YouTube ansehenWas wirklich passiert ist
Jonas und Helena wollen aufmerksam mit ihren Unterschieden umgehen. Das Problem: Statt auf den realen Menschen gegenüber zu reagieren, richtet sich jeder nach einer vorgestellten Version der anderen Person. Jonas nimmt an, Helena brauche viel Raum, und wartet. Helena nimmt an, Jonas wolle schnell zur Sache kommen und selbst beginnen – also wartet auch sie. Beide tun etwas „für den anderen“, obwohl es in diesem Moment niemand braucht. Wissen über Präferenzen, das eigentlich helfen sollte, beginnt zu stören, weil es wie eine Bedienungsanleitung verwendet wird statt wie eine Hypothese, die man überprüfen kann.
Was die Forschung dazu sagt
Menschen passen ihre Sprache und ihr Verhalten ganz natürlich an Gesprächspartner an (communication accommodation; Giles, Edwards & Walther, 2023). Eine solche Anpassung kann nützlich sein, sie kann aber auch unpassend oder übertrieben werden, wenn sie stärker auf Annahmen als auf aktuellen Signalen beruht. Forschung zu Stereotypen zeigt außerdem, dass Erwartungen an eine andere Person das eigene Verhalten so verändern können, dass die Interaktion die ursprüngliche Erwartung anschließend scheinbar bestätigt (behavioral confirmation; Snyder, Tanke & Berscheid, 1977; Snyder & Stukas, 1999). Dafür braucht es kein nationales oder soziales Stereotyp. Schon ein kleines „Individualstereotyp“ reicht: „Helena ist eben so, also braucht sie jetzt sicher X.“ Auch das kann davon abhalten zu prüfen, was sie in genau diesem Gespräch tatsächlich braucht.
Wie man damit umgehen kann
Ein psychologisches Profil, frühere Erfahrungen oder Wissen über kulturelle Unterschiede sollten eine Frage anregen, nicht die Antwort ersetzen. Jonas kann sagen: „Normalerweise gebe ich dir eher etwas mehr Zeit. Möchtest du das in diesem Gespräch auch, oder soll ich direkt anfangen?“ Helena kann dasselbe tun. Ebenso wichtig ist es, Reaktionen zu beobachten und den Gesprächsstil unterwegs anzupassen, statt eine frühere Annahme konsequent durchzuspielen. Allgemein gilt: Gutes Wissen über einen Menschen reduziert das Raten nur dann, wenn es eine Hypothese bleibt, die sich leicht korrigieren lässt.
Wie Empatyzer und Em helfen können
Diese Szene zeigt gut, warum Empatyzer keine „Bedienungsanleitung für Menschen“ sein sollte. Die Profile von Jonas und Helena können Unterschiede in Tempo, Direktheit oder Bedürfnis nach Raum treffend anzeigen. Wenn beide aber anfangen, den erwarteten Stil des anderen nachzuspielen, erzeugt das Wissen selbst ein Problem. Em sollte den Profilvergleich deshalb als Hypothese verwenden und sie auf eine kurze Einstiegsfrage vorbereiten: „Möchtest du, dass ich direkt einsteige, oder willst du den Gedanken erst kurz sortieren?“ Teamdaten können die Vielfalt von Stilen sichtbar machen, ersetzen aber nicht das Nachfragen beim konkreten Menschen. Mikrolektionen sind hier besonders wichtig: Sie lehren, Wissen zu nutzen, um weniger zu raten – und trotzdem zu fragen, wenn der Gesprächspartner die Antwort selbst geben kann.
Quellen und Forschung
- Howard Giles; America L. Edwards; Joseph B. Walther (2023). Communication accommodation theory: Past accomplishments, current trends, and future prospects. Language Sciences, 99, 101571. https://doi.org/10.1016/j.langsci.2023.101571 DOI: 10.1016/j.langsci.2023.101571
- Mark Snyder; Elizabeth D. Tanke; Ellen Berscheid (1977). Social perception and interpersonal behavior: On the self-fulfilling nature of social stereotypes. Journal of Personality and Social Psychology, 35(9), 656-666. https://doi.org/10.1037/0022-3514.35.9.656 DOI: 10.1037/0022-3514.35.9.656
- Mark Snyder; Arthur A. Stukas Jr. (1999). Interpersonal processes: The interplay of cognitive, motivational, and behavioral activities in social interaction. Annual Review of Psychology, 50, 273-303. https://doi.org/10.1146/annurev.psych.50.1.273 DOI: 10.1146/annurev.psych.50.1.273
Autor: Empatyzer
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