„Ein Mentoring-Gespräch, in dem nur der Mentor spricht“ – Wenn Rat zu früh kommt
Kurzes Mentoring-Gespräch. Olek kommt zu Samuel, weil er feststeckt und selbst noch nicht genau weiß, worin das Problem liegt.
– Ich stecke fest und weiß selbst nicht genau, wo der Kern liegt.
– Dann machen wir es so: zuerst A, dann B, und außerdem könntest du …
– Mhm.
Samuel möchte möglichst schnell eine nützliche Lösung liefern. Olek hatte noch gar keine Gelegenheit, die Frage zu formulieren, auf die er eigentlich eine Antwort braucht.
Was bringt dir Empatyzer?
Die Vorbereitung auf ein 1:1 dauert nur kurz, wenn Em zeigt, worauf du bei der konkreten Person achten solltest. Fließende zwischenmenschliche Kommunikation bei der Arbeit beruht darauf, die einzigartigen Eigenschaften und Bedürfnisse des Gegenübers zu verstehen. Das System bewertet nicht – es unterstützt genau dann, wenn das Gespräch stattfinden soll.
Video auf YouTube ansehenWas wirklich passiert ist
Olek beginnt mit: „Ich stecke fest und weiß selbst nicht genau, wo der Kern liegt.“ Samuel springt sehr schnell zu Lösungen. Er möchte hilfreich sein und verfügt über Wissen, also produziert er eine Option nach der anderen. Das Problem: Er beantwortet ein Problem, das er sich im Kopf bereits zusammengestellt hat, bevor Olek es selbst ausreichend verstanden hat. Olek bekommt drei mögliche Lösungen, versteht aber weiterhin nicht, wo die eigentliche Ursache seiner Schwierigkeit liegt. Deshalb kehrt das Problem zurück. Erst als Samuel mit Fragen danach beginnt, was Olek schon versucht hat und an welcher Stelle er konkret feststeckt, hilft das Gespräch Olek, den Kern selbst zu erkennen.
Was die Forschung dazu sagt
Unterstützung kann darin bestehen, Wissen zu geben – oder Bedingungen zu schaffen, unter denen die andere Person ihre eigene Situation besser analysiert. Forschung zum Coaching zeigt, dass gut durchgeführtes Workplace-Coaching Lernen und Leistung verbessern kann, obwohl nicht jede Coachingform gleich wirkt und nicht jede Situation Coaching verlangt (Jones, Woods & Guillaume, 2016; de Haan & Nilsson, 2023). Aus motivationaler Sicht ist ebenfalls relevant, dass Menschen meist besser funktionieren, wenn sie Raum für eigenes Urteil und eigene Lösungen haben, statt ausschließlich Anweisungen zu erhalten (Autonomieunterstützung; Slemp et al., 2018). Es geht nicht um die Modeformel „immer fragen, nie beraten“. Entscheidend ist die Reihenfolge: erst das Problem verstehen, dann entscheiden, ob eine Frage, ein Rat, eine Anweisung oder eine Entscheidung gebraucht wird.
Wie man damit umgehen kann
Ein Mentor kann mit drei Fragen beginnen: „Was genau versuchst du zu erreichen?“, „Was hast du schon ausprobiert?“ und „Wo steckst du wirklich fest?“ Danach lohnt sich die Frage: „Soll ich dir beim Denken helfen oder dir meine Lösung sagen?“ Ist die Situation dringend oder riskant, kann ein klarer Rat die beste Hilfe sein. Geht es um Entwicklung, nimmt eine zu schnelle Antwort einen Teil des Lernens weg. Allgemein gilt: Gute Hilfe zeigt sich nicht daran, wie schnell der Mentor demonstriert, was er weiß, sondern daran, ob das Gespräch die Fähigkeit der anderen Person erhöht, mit dem Problem umzugehen.
Wie Empatyzer und Em helfen können
Empatyzer kann Samuel zeigen, dass seine Geschwindigkeit beim Erzeugen von Lösungen erst dann zum Vorteil wird, wenn sie auf ein richtig verstandenes Problem trifft. Diagnose und Profilvergleich können darauf hinweisen, dass Samuel von sich aus laut denkt und sofort Optionen erzeugt, während Olek im Moment zunächst klären muss, wo er tatsächlich feststeckt. Em kann Samuel deshalb drei kurze Fragen und danach die wichtigste vorschlagen: „Soll ich dir beim Denken helfen oder dir meine Lösung sagen?“ So passt sich Mentoring an die Situation an statt an den Lieblingsstil des Mentors. Teamdaten können ähnliche Hilfsmuster sichtbar machen, und Mikrolektionen trainieren die richtige Reihenfolge: zuerst den Bedarf verstehen, dann Frage, Rat, Anweisung oder Entscheidung wählen.
Quellen und Forschung
- Gavin R. Slemp; Margaret L. Kern; Kent J. Patrick; Richard M. Ryan (2018). Leader autonomy support in the workplace: A meta-analytic review. Motivation and Emotion, 42(5), 706-724. https://doi.org/10.1007/s11031-018-9698-y DOI: 10.1007/s11031-018-9698-y
- Rebecca J. Jones; Stephen A. Woods; Yves R. F. Guillaume (2016). The effectiveness of workplace coaching: A meta-analysis of learning and performance outcomes from coaching. Journal of Occupational and Organizational Psychology, 89(2), 249-277. https://doi.org/10.1111/joop.12119 DOI: 10.1111/joop.12119
- Erik de Haan; Viktor O. Nilsson (2023). What Can We Know about the Effectiveness of Coaching? A Meta-Analysis Based Only on Randomized Controlled Trials. Academy of Management Learning & Education, 22(4), 641-661. https://doi.org/10.5465/amle.2022.0107 DOI: 10.5465/amle.2022.0107
Autor: Empatyzer
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