„Das ist doch nur ein Weihnachtsbaum“ – wenn die Mehrheit Kultur für neutral hält
Planung des Firmentreffens im Dezember. Anna zeigt eine Einladung mit Weihnachtsbaum und Geschenken.
– Wir machen ein neutrales Feiertagstreffen. Ohne religiöse Symbole.
– Und der Weihnachtsbaum? – fragt Maja.
Anna sieht eine gewöhnliche Dezemberdekoration. Maja bemerkt, dass auch der „normale Hintergrund“ aus einer konkreten Tradition stammt.
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Video auf YouTube ansehenWas wirklich passiert ist
Anna sieht den Weihnachtsbaum als Teil eines gewöhnlichen Dezembers im Unternehmen. Sie ist seit Jahren daran gewöhnt, sodass seine kulturelle Bedeutung für sie beinahe unsichtbar geworden ist. Maja weist auf etwas anderes hin: Es handelt sich nicht um einen Gegenstand ohne Geschichte und Bedeutung, sondern um ein Symbol einer bestimmten Tradition, auch wenn es in vielen Büros stark säkularisiert wurde. Die Szene verlangt nicht, Maja irgendeine Religion zuzuschreiben. Es geht um einen einfacheren Mechanismus: Was die Mehrheit überall umgibt, kann irgendwann wie die Abwesenheit von Kultur aussehen, obwohl es weiterhin ein konkreter kultureller Code ist.
Was die Forschung dazu sagt
Forschung zu Vielfalt in Organisationen zeigt, dass Praktiken dominanter Gruppen häufig als „normal“, „professionell“ oder „neutral“ beschrieben werden, während Unterschiede von Minderheiten sichtbarer sind und benannt werden müssen (normalization practices). Ein anschauliches Beispiel liefert eine Studie in einem akademischen Krankenhaus in den Niederlanden: Die Forschenden zeigten, dass „Professionalität als Neutralität“ und „Gleichheit als alle gleich behandeln“ ungleiche Folgen alltäglicher Normen verdecken konnten (Leyerzapf et al., 2018). Das bedeutet nicht, dass ein Weihnachtsbaum an sich Diskriminierung ist. Es zeigt lediglich: Eine dominante Gewohnheit ist gerade deshalb schwerer zu sehen, weil sie dominant ist.
Wie man damit umgehen kann
Eine Organisation muss nicht jede Tradition entfernen, um offen zu sein. Sie sollte sie aber ehrlich benennen und prüfen, ob sie nicht als einzig selbstverständliche Norm für alle dargestellt wird. Man kann den Weihnachtsbaum stehen lassen und zugleich anderen wichtigen Traditionen Raum geben oder die Menschen einfach fragen, welche Formen gemeinsamen Feierns sinnvoll sind. Die allgemeine Regel lautet: Bevor du etwas „neutral“ nennst, versuche es mit den Augen einer Person zu betrachten, für die diese Gewohnheit nicht seit der Kindheit Hintergrund war. Häufig zeigt sich dann, dass es nicht Neutralität ist, sondern sehr vertraute Kultur.
Wie Empatyzer und Em helfen können
Empatyzer kann einer Organisation helfen zu erkennen, dass etwas, was der Mehrheit wie eine „neutrale Gewohnheit“ erscheint, für andere keineswegs neutral sein muss. Die kulturelle Ebene und ein aggregiertes Teambild können eine große Vielfalt an Normen zeigen. Das System sollte aus einem Profil jedoch keine Schlüsse über Religion oder Weltanschauung einer Person ziehen. Em kann einer Führungskraft stattdessen helfen, die bessere Frage zu stellen: „Gibt die Art, wie wir diese Zeit gestalten, allen die Möglichkeit teilzunehmen oder nicht teilzunehmen, ohne soziale Kosten zu tragen?“ Praktisch geht es weniger darum, Traditionen zu entfernen, als darum, Mehrheitsgewohnheiten nicht als einzig mögliche Norm darzustellen. Mikrolektionen helfen, den Moment zu erkennen, in dem Gruppengewohnheit mit etwas vollständig Universellem verwechselt wird.
Quellen und Forschung
- Hannah Leyerzapf; Petra Verdonk; Halleh Ghorashi; Tineke A. Abma (2018). “We are all so different that it is just … normal.” Normalization practices in an academic hospital in the Netherlands. Scandinavian Journal of Management, 34(2), 141-150. https://doi.org/10.1016/j.scaman.2018.03.003 DOI: 10.1016/j.scaman.2018.03.003
Autor: Empatyzer
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