„Mein Zeitplan, dein Problem“ – Autonomie versus gemeinsame Prioritäten

Morgens am Aufgabenboard. Olek verschiebt selbstständig eine Aufgabe auf morgen, um heute ein dringendes Kundenthema zu lösen. Kurz darauf entdeckt Jonas, dass er deshalb mit seiner Arbeit nicht beginnen kann.

– Wer hat die Reihenfolge geändert?
– Ich. So war es sinnvoller.
– Du kannst Dinge nicht verschieben, von denen meine Arbeit abhängt.

Olek glaubt, seinen eigenen Plan vernünftig verwaltet zu haben. Jonas sieht eine Änderung seines Plans, über die niemand ihn informiert hat.

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Was wirklich passiert ist

Olek ändert die Reihenfolge seiner Aufgaben, weil er ein dringenderes Problem sieht und dem Kunden schnell helfen möchte. Aus seiner Sicht nutzt er normale Selbstständigkeit: Das Ziel bleibt gleich, er organisiert lediglich den Weg dorthin besser. Jonas sieht jedoch etwas, das Olek bei der Entscheidung nicht berücksichtigt: Seine eigene Arbeit hängt von Oleks Aufgabe ab. Eine Änderung, die für den einen „mein Zeitplan“ ist, wird für den anderen zur Blockade. Der Konflikt betrifft also nicht die Frage, ob Olek selbst entscheiden darf. Er betrifft die Frage, ob die Entscheidung noch ausschließlich seine ist, sobald sie die Arbeitsbedingungen einer anderen Person verändert. Die Profile passen gut zur Szene: Olek schätzt Freiheit und schnelle Plananpassung, Jonas achtet stärker auf Reihenfolge und Abhängigkeiten.

Was die Forschung dazu sagt

In Teamarbeit ist Autonomie fast nie absolut, weil Aufgaben miteinander verbunden sind. Je stärker das Ergebnis einer Person der Input für die Arbeit einer anderen ist, desto stärker wird eine private Entscheidung zur Teamentscheidung (task interdependence). Eine große Metaanalyse zu Teams zeigt, dass die Gestaltung solcher Abhängigkeiten Koordination und Leistung beeinflusst (Courtright et al., 2015). Forschung zeigt außerdem, dass Autonomie und Abhängigkeit sich nicht ausschließen müssen, sondern gemeinsam gestaltet werden sollten: Menschen können viel Freiheit in der Art ihrer Arbeit haben und gleichzeitig klare Punkte kennen, an denen eine Änderung andere informiert werden muss (de Jong, 2014). Es geht also nicht um „mehr Kontrolle“, sondern um Sichtbarkeit der Folgen einer Entscheidung.

Wie man damit umgehen kann

Die beste Regel lautet weder „Hol für jede Änderung eine Genehmigung ein“ – dann verschwindet Autonomie – noch „Mach, was du willst“ – dann zahlen andere für unsichtbare Entscheidungen. Eine einfache Trennung funktioniert gut: Betrifft die Änderung nur deine Arbeit, entscheidest du selbst. Ändert sie Termin, Reihenfolge oder Handlungsfähigkeit einer anderen Person, gibst du ihr ein kurzes Signal. Oft reicht eine Nachricht: „Ich verschiebe X auf morgen, deshalb kann dein Y erst morgens starten. Sag Bescheid, wenn das deinen Plan sprengt.“ Allgemein gilt: Selbstständigkeit umfasst das Recht zu entscheiden, aber nicht das Recht, die Folgen dieser Entscheidung vor den Menschen zu verbergen, deren Arbeit davon abhängt.

Wie Empatyzer und Em helfen können

Empatyzer kann Olek und Jonas zeigen, dass ihr Streit über den Zeitplan eigentlich die Grenzen von Autonomie in einem System von Abhängigkeiten betrifft. Olek optimiert seinen Plan von sich aus nach dem, was gerade am wichtigsten erscheint; Jonas schützt die Reihenfolge stärker, weil seine Arbeit von vorherigen Schritten anderer abhängt. Mit Profilen und Aufgabenkontext kann Em Olek vor einer ähnlichen Änderung eine einfache Prüffrage geben: „Betrifft die Verschiebung nur dich oder blockiert sie auch jemanden danach?“ Wenn sie andere betrifft, braucht es nicht für alles eine Genehmigung – oft reichen kurze Information und Abstimmung. Teamdaten können zeigen, wo unterschiedliche Planungsstile regelmäßig in Prozessen kollidieren. Mikrolektionen verankern eine praktische Regel: Autonomie ist dort vollständig, wo die Folgen bei dir bleiben; sobald sie die Arbeit anderer verändern, braucht es Koordination.

Quellen und Forschung

  1. Stephen H. Courtright; Gary R. Thurgood; Greg L. Stewart; Abigail J. Pierotti (2015). Structural interdependence in teams: An integrative framework and meta-analysis. Journal of Applied Psychology, 100(6), 1825-1846. https://doi.org/10.1037/apl0000027 DOI: 10.1037/apl0000027
  2. Simon B. de Jong (2014). Working together versus working autonomously: a new power-dependence perspective on the individual-level of analysis. The Spanish Journal of Psychology, 17, E37. https://doi.org/10.1017/sjp.2014.38 DOI: 10.1017/sjp.2014.38

Autor: Empatyzer

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